Wien, 19. Mai 1903. In einer gemieteten Werkstatt Neustiftgasse 32-34 unterzeichnen der Architekt Josef Hoffmann, zweiunddreißig, der Designer Koloman Moser, fünfunddreißig, und der Industrielle Fritz Wärndorfer, fünfunddreißig, die Statuten der Wiener Werkstätte. Das Programm passt in eine Formel: jedes Alltagsobjekt - Möbel, Besteck, Stoff, Tapete, Buchbindung, Schmuck, Postkarte - wie ein Kunstwerk produzieren. Keine Hierarchie zwischen den hohen Künsten (Malerei, Skulptur, Architektur) und den niederen Künsten (Goldschmiedekunst, Möbel, Mode). Es ist die wagnersche Idee des "Gesamtkunstwerks", übertragen auf das industrielle Design. Die Werkstatt öffnet im Juni mit siebzehn Handwerkern und Kapital der Familie Wärndorfer. Sie besteht bis 1932, dreißig Jahre, und definiert die gesamte Ästhetik der Wiener Sezession.

Der Kontext lohnt einen Aufenthalt. Wien 1903 ist die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie, eine Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, eine der reichsten Europas. Sigmund Freud wohnt Berggasse 19, einige Gehminuten von der Werkstätte entfernt. Gustav Mahler leitet die Oper. Gustav Klimt ist seit 1897 Präsident der Wiener Sezession. Egon Schiele ist dreizehn. Oskar Kokoschka siebzehn. Adolf Loos veröffentlicht zwei Jahre später, 1908, "Ornament und Verbrechen". Diese kulturelle Dichte ist in Europa einzigartig, und die Werkstätte spielt darin die Rolle eines Katalysators. Sie liefert das Dekor, die Objekte, die Kleider, den Schmuck einer kultivierten Bourgeoisie, die in einer vollständigen ästhetischen Kohärenz leben will. Die Aufträge kommen von den jüdischen Bankiersfamilien Wiens (Wittgenstein, Mauthner, Lederer), die sich von der Werkstätte vollständig eingerichtete Villen bauen lassen.

Das Palais Stoclet, Brüssel, 1905-1911

Der emblematische Frühauftrag der Werkstätte ist das Palais Stoclet, zwischen 1905 und 1911 in Brüssel für den Industriellen und Sammler Adolphe Stoclet gebaut. Josef Hoffmann entwirft die Architektur, Koloman Moser steuert zum Dekor bei, und Gustav Klimt signiert den Fries "Der Lebensbaum", der die Wände des Speisesaals bedeckt. Das Gebäude ist ein Manifest: weiße Marmorfassade mit Bronzeumrandung, Innenräume, in denen jeder Stuhl, jede Schale, jede Türklinke von der Werkstätte entworfen ist. Seit 2009 steht es auf der UNESCO-Welterbeliste. Es ist privat, der Öffentlichkeit verschlossen, und nur wenige umlaufende Fotografien lassen die Innenräume sehen. Die Familie Stoclet hat nie zugelassen, dass es ein Museum wird, treu der ursprünglichen Idee eines Kunstwerks zum Bewohnen.

Die visuelle Grammatik der Werkstätte ist auf den ersten Blick erkennbar. Strenge Geometrie, eingeschränkte Palette (Schwarz, Weiß, Gold, manchmal ein tiefes Blau), Schachbrett- oder Rastermuster, sehr betonte Vertikalen, Typografie, die wie ein Objekt gezeichnet ist. Es ist die erste geometrische Grammatik des zwanzigsten Jahrhunderts, zwanzig Jahre vor dem Bauhaus. Hoffmann signiert 1903 das "Cube"-Teeservice aus reinen geometrischen Stücken in gehämmertem Silber. Koloman Moser entwirft 1904 den Sekretär "Cube", einen ganz gerasterten Arbeitstisch. Das schwarz-weiße Schachbrettmotiv wird zu einer so starken visuellen Signatur, dass man es heute in der skandinavischen Inneneinrichtung, in der Mode (Yohji Yamamoto, Issey Miyake), in der zeitgenössischen Grafik wiederfindet. Die Brücke zwischen Wien 1903 und Stockholm 2025 läuft über diese Grammatik.

Klimt, die Goldperiode und die Verbindung zur Werkstatt

Gustav Klimt ist kein Mitglied der Werkstätte, aber er arbeitet regelmäßig mit ihr zusammen. Der 1911 vollendete Fries des Palais Stoclet ist sein dekoratives Meisterwerk. Er nutzt massiv Blattgold, eine Technik, die Klimt von seinem Vater Ernst, einem Goldschmied, gelernt hat. Klimts "Goldperiode" (1899-1907) gipfelt im "Kuss" (1907-1908), heute in der Österreichischen Galerie Belvedere. Dieses Werk, vielleicht das meistreproduzierte des zwanzigsten Jahrhunderts nach der Mona Lisa, teilt mit den Werkstätte-Motiven die ornamentale Geometrie, die goldene Palette, die Verflachung der Komposition. Klimt stirbt im Februar 1918 mit fünfundfünfzig Jahren an einem Schlaganfall, mitten in der Spanischen-Grippe-Epidemie. Im selben Jahr, im Oktober, stirbt Koloman Moser mit fünfzig an Krebs. Egon Schiele stirbt mit achtundzwanzig in derselben Woche wie Moser. Das Vorkriegswien verschwindet in wenigen Monaten. Hoffmann überlebt, hält die Werkstätte in den zwanziger Jahren irgendwie am Leben, aber das goldene Zeitalter ist vorbei.

"Jede Epoche muss ihren Stil haben", sagte Hoffmann 1905. "Warum sollte der unsere die Nachahmung der Vergangenheit sein?"

Mit einem Sezessionsplakat leben

Ein Wiener Sezessions-Ausstellungsplakat oder seine zeitgenössische Hommage an die Werkstätte-Sprache verlangt eine raffinierte Umgebung. Keine Grandezza, keine chromatische Sättigung, keine überladene Gallery Wall. Ein einziges Stück, zentriert, auf einer hellen Wand. Der Rahmen: sehr blasse Eiche, fast gebleicht, die die Schwarz-Weiß-Gold-Palette der Komposition aufnimmt. Auch mattes Schwarz funktioniert, härtet aber die Lesart, was für eine sehr zeitgenössische Wand geeignet sein kann. Vermeiden Sie Gold: auf sich selbst verdoppelt, verliert das Gold seine dekorative Qualität. Das Format zählt: diese Plakate waren für die Schaufenster der Sezessions-Ausstellungen und die Innenwände der bürgerlichen Villen gedacht, also funktionieren sie im mittleren Format (50 mal 70) eher als im Übergroßen. Sie sind nicht für die städtische Straßenwand gemacht, anders als die Plakate von Toulouse-Lautrec oder Cassandre.

Das ideale dekorative Umfeld neigt zum modernisierten Klassischen. Die Werkstätte passt gut zu hellen skandinavischen Möbeln (die geometrische Grammatik ist geteilt), zu Mid-Century-Modern (die historische Brücke ist sichtbar) und zu einem Art-Déco-Interieur der 1920er Jahre (die beiden Bewegungen sind verwandt). Sie passt schlecht zu französischer Belle-Époque-Dekoration mit pflanzlicher Dominanz (die Paletten kämpfen), zu gesättigter Pop-Art-Dekoration (die chromatische Feinheit wird zerquetscht) und zu einer zu dunklen Wand (die Schwarz-Weiß-Motive verlieren ihre Lesart).

Drei Fäden für den Einstieg

  • Ein Sezessions-Ausstellungsplakat (geometrische Typografie, Schachbrettmotiv, goldener Grund). 50 mal 70, blasser Eichenrahmen.
  • Ein reines Werkstätte-Motiv (schwarz-weißes Raster, geometrisches Muster). Radikaler, am besten in einem minimalistischen Raum.
  • Eine Hommage an Klimts Goldperiode, in der Vintage-Kollektion. Die Brücke zwischen Gold und Geometrie ist unmittelbar.

Bei Montmartre Poster leben die Hommagen an Wien 1900 und die Wiener Werkstätte in der Vintage-Kollektion und in der Art-Déco-Kollektion. Um die Brücke zwischen Wien und dem Pariser Art Déco zu verfolgen, siehe unseren Beitrag Art Déco, Geburt eines Gesamtstils. Für die ornamentale Genealogie siehe auch unsere Notiz zu Mucha und dem Jugendstil.