New York, Sommer 1956. In der 52. Straße läuft das Birdland seit 1949 und bietet weiterhin jede Nacht drei Sets: ein Bebop-Quintett um 21 Uhr, ein Trio um Mitternacht, ein letztes Set bis drei Uhr morgens. Zwei Blocks entfernt hat Alfred Lion, Gründer von Blue Note Records, gerade einen jungen Grafiker engagiert, um die künstlerische Leitung seines Labels zu übernehmen. Der Grafiker heißt Reid Miles. Er ist 29 Jahre alt. In elf Jahren wird er fast 500 Cover gestalten, die das Bild des modernen Jazz für immer prägen werden.

Blue Note Records wurde 1939 von Alfred Lion und Francis Wolff gegründet, zwei Deutschen, die 1938 nach New York geflüchtet waren. Lion produziert, Wolff fotografiert. In den ersten Jahren sind die Cover konventionell: ein einfaches Foto, Titel, Untertitel. Ab 1956 sucht das Label, sich in einem zunehmend kompetitiven Plattenmarkt abzusetzen. Reid Miles bringt die Lösung. Seine Ausbildung: Grafikdesign am Chouinard Art Institute in Los Angeles, dann Assistenz bei Saul Bass. Seine Methode: die Fotografien von Wolff als Rohmaterial verwenden, sie neu zuschneiden, überdrucken, kürzen und in ein strenges typografisches Raster übertragen.

Reid Miles, Methode

Seine Grammatik ist auf den ersten Blick erkennbar. Eine eng beschnittene Schwarzweißfotografie von Francis Wolff. Ein gesättigter Farbgrund: Türkis, gebranntes Orange, Senfgelb. Eine serifenlose Schrift, häufig Futura, fett in eine Ecke gesetzt oder als Band über die volle Breite gezogen. Der Plattentitel wird zu einem eigenständigen grafischen Objekt, fast losgelöst von der Musik. Das Ergebnis verdankt sich ebenso dem Schweizer Grafikdesign der 1950er Jahre (Müller-Brockmann, Hofmann) wie der entstehenden amerikanischen Pop Art.

Die berühmtesten Cover stammen aus dieser Zeit. "Cool Struttin'" von Sonia Clark, 1958: zwei Frauenbeine auf einem Gehweg, türkiser Grund, Titel in fetten Versalien. "The Sidewinder" von Lee Morgan, 1964: das Gesicht des Trompeters eng im Bildrahmen, orangefarbene Pupillen auf schwarzem Grund. "Blue Train" von John Coltrane, 1957: nachdenkliches Porträt des Saxofonisten, tiefblauer Grund, weiße Typografie. Jedes dieser Cover wurde wie ein Plakat entworfen: dafür gedacht, in einer Plattenkiste aufrecht zu stehen, aus der Ferne gelesen, in einem Blick gemerkt zu werden.

Der Kontext des Birdland

Das Birdland, 1949 von Morris Levy am 1678 Broadway an der Ecke 52. Straße eröffnet, trägt seinen Namen nach Charlie Parker, genannt Bird. Zwei Jahrzehnte lang ist es das Nervenzentrum des New Yorker Jazz. Miles Davis nimmt dort 1958 Livesessions auf. Coltrane spielt regelmäßig. Bud Powell, Art Blakey, Dizzy Gillespie, alle großen Namen kommen vorbei. Der Saal, mit hundert Plätzen bescheiden, verdankt seinen Namen einer Vitrine mit ausgestopften Vögeln, über die Charlie Parker freundlich spottete. Er schließt 1965, eröffnet mehrmals an anderen Adressen wieder und existiert heute weiter in der 44. Straße.

Diese geografische Konzentration zählt. Zwischen 1945 und 1965 drängen sich rund zehn Jazzclubs in vier Blocks von Manhattan: Birdland, Three Deuces, Onyx, Famous Door, Spotlite, Royal Roost. Die Musiker wechseln in derselben Nacht von einem Set zum anderen. Produzenten wie Alfred Lion hören zu, nehmen wenige Tage später im Studio von Rudy Van Gelder in New Jersey auf. Reid Miles entwirft das Cover im nächsten Monat. Die Produktionskette ist kurz, das Ökosystem klein, und die daraus entstehende visuelle Geschlossenheit ist außergewöhnlich.

Warum die Cover zu Plakaten werden

Reid Miles entwarf nicht für Jazzliebhaber. Er entwarf für Leute, die an einer Plattenkiste vorbeigehen und in zwei Sekunden verstehen müssen, dass sie ein Blue-Note-Album in der Hand halten. Diese Vorgabe der schnellen Lesbarkeit bringt genau das hervor, was man von einem Plakat erwartet: einen Aufhänger, einen lesbaren Titel, eine Atmosphäre. Wenn das Cover aus seinem Kontext gelöst wird (wenn es als Wandbild im Format 50 mal 70 vergrößert wird), funktioniert es weiter. Darin liegt seine Plakatqualität.

"Der Jazz muss nicht erklärt werden", sagte Alfred Lion 1962. "Er muss angekündigt werden."

Mit einem Jazzplakat an der Wand leben

Die Blue-Note-Kompositionen funktionieren besonders gut in zwei Arten von Räumen. Die offene Küche, vor allem über einer Bar oder einem Arbeitstisch: das vertikale Format der ursprünglichen Cover entspricht gut einem Hochformat-Plakat 30 mal 40 Zentimeter, und die gesättigte Palette (Türkis, Orange, Gelb) tritt mit den Farben von Pflanzen und Küchenobjekten in Dialog. Das Büro, in einem größeren Format, 50 mal 70 oder 70 mal 100, mit mattschwarzem Rahmen: die serifenlose Schrift trifft auf jene der grafischen Gestaltung des 20. Jahrhunderts.

Zu vermeiden: das Badezimmer (Feuchtigkeit), das Kinderzimmer (zu erwachsene Palette), die Wand gegenüber direktem Südlicht (die gesättigte Farbe verschwindet im Gegenlicht). Zu merken: diese Plakate lieben Gesellschaft. Drei Blue-Note-Cover in einem Raster, identisches Format, identische Rahmen, füllen eine ganze Wand. Diese Komposition erinnert an die ursprüngliche Anordnung der Plattenkisten und würdigt die grafische Geschlossenheit des Labels.

Vier Cover für den Einstieg

  • "Cool Struttin'" von Sonia Clark (1958): der Schritt, das Türkis, der fette Buchstabe. Die wiedererkennbarste der Kompositionen von Reid Miles.
  • "The Sidewinder" von Lee Morgan (1964): enges Porträt auf schwarzem Grund, warme Palette. Ideal für ein Büro oder eine Leseecke.
  • "Maiden Voyage" von Herbie Hancock (1965): ein eher maritimes Cover, tiefblaue Töne. Funktioniert ebenso gut in einem Schlafzimmer wie in einem Wohnzimmer.
  • "Speak No Evil" von Wayne Shorter (1966): rein typografische Komposition, cremefarbener Grund, Titel in Versalien. Für ein minimalistisches Interieur.

Bei Montmartre Poster versammelt die Musik-Kollektion Plakate in diesem Geist, gedruckt auf 275-Gramm-Künstlerpapier. Sie können auch in der Vintage-Kollektion stöbern, um eine Wand zu komponieren, die das Jazz-Bild mit dem amerikanischen Art Déco mischt: zwei benachbarte Jahrzehnte, derselbe Geschmack für Kontrast, dieselbe typografische Klarheit.