1927. Cassandre entwirft das Plakat für den „Nord Express" der Wagons-Lits-Gesellschaft. Der Zug schiesst nach rechts, der Himmel im Hintergrund glühend rot, die Perspektive bis zur Fläche zusammengedrückt. Drei Telegrafenleitungen konvergieren zum Fluchtpunkt. Kein Gesicht, keine Figur. Das Plakat lebt von drei Farbflächen und einer geometrischen Typografie. Es ist eine Revolution.
Der Autor heißt in Wirklichkeit Adolphe Mouron. In Charkiw 1901 geboren, an der Académie Julian in Paris zu Beginn der 1920er Jahre ausgebildet, wählt er als Plakatname das Wort „cassandre", in Anlehnung an die trojanische Prophetin. Er ist 26 Jahre alt, als er den „Nord Express" liefert. Er hat soeben eine Grammatik erfunden, die ein ganzes Jahrzehnt prägen wird.
Art Deco zieht in die Strasse
Die Pariser Exposition internationale des arts décoratifs von 1925 hat einen Stil fixiert: reduzierte Geometrie, klare Farbflächen, als Objekte gezeichnete Typografien. Aber Art Deco bleibt auf reiche Interieurs, Luxusdampfer und Hotellobbys beschränkt. Cassandre und seine Zeitgenossen bringen ihn auf die Strasse.

Roger Broders arbeitete für die PLM-Gesellschaft (Paris-Lyon-Méditerranée). Zwischen 1922 und 1932 signiert er mehr als achtzig Plakate, die das touristische Bild der Côte d'Azur und der Alpen definieren: Skifahrer in voller Fahrt, Badegäste in Juan-les-Pins, Rennwagen entlang der Promenade des Anglais. Seine Kompositionen sind auf den ersten Blick erkennbar: eine stilisierte Figur, eine vereinfachte Landschaft, ein handgezeichneter Titel.
Jean Carlu war politischer. Er signierte Plakate für die Compagnie générale transatlantique, aber auch republikanische Propagandakampagnen während des Spanischen Bürgerkriegs. Charles Loupot nahm eine mittlere Position ein: Er machte elegante Reisewerbung (Lufthansa, Côte d'Azur), aber auch reine Gebrauchswerbung (Saint-Raphaël, Valentine).
Ein gelungenes Plakat, sagte Cassandre, liest man auf dreißig Meter und versteht es auf zehn.
Die Normandie, der Höhepunkt
1935. Cassandre liefert ein Plakat für den Ozeandampfer Normandie, das damals grösste Passagierschiff der Welt. Die Komposition ist heute berühmt: das Schiff von vorn, senkrechter Bug, zwei symmetrische Schornsteine, von unten betrachtet. Kein Meer, kein Horizont. Das Schiff füllt fast das gesamte Plakat. Die Typografie „NORMANDIE" ist unten platziert, geometrisch, monumental.
Dieses Plakat kann heute auf zwei Weisen gelesen werden. Es ist ein Meisterwerk der Komposition (Gleichgewicht der Massen, Sparsamkeit der Mittel, Dramatisierung durch den Blickwinkel). Es ist auch das Symbol des Endes einer Epoche. Die Krise von 1929 hatte die transatlantischen Gesellschaften geschwächt. Der Krieg nahte. Die Normandie wurde 1941 von der amerikanischen Armee beschlagnahmt und 1942 in New York durch ein Feuer zerstört.

Warum diese Plakate noch immer bestehen
Vier Gründe. Erstens: die Qualität der Zeichnung. Diese Plakatgestalter konnten von Hand zeichnen, ohne fotografische Vorlage, unter den Einschränkungen des Lithografiedrucks (maximal sechs bis acht Farben, Trennungen mit Farbstiften vorbereitet). Dann die Sparsamkeit der Mittel: keine Überladung, kein unnötiger Schmuck. Eine Silhouette, ein Licht, ein Titel.
Dritter Grund: das Vertrauen in den Betrachter. Ein Cassandre-Plakat erklärt nichts. Es suggeriert, es vermittelt ein Gefühl, es schafft eine Atmosphäre. Reisen wird als Versprechen behandelt, nicht als Produkt. Schliesslich waren diese Plakate für sehr sichtbare Wände gedacht: Bahnhofsfassaden, Strassenbauzäune, Wageninterieurs. Das Format zählt. Die meisten maßen 100 mal 70 Zentimeter, manchmal mehr.
Unsere aktuellen Reproduktionen auf 275 g/m² fine-art Papier respektieren die Originalfarben, wie sie von der Bibliothèque Forney in Paris dokumentiert wurden, die mehrere Hundert lithografische Druckplatten aus dieser Zeit aufbewahrt.






